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MS Delphin laid up
Description: MS Delphin laid up I Location: Rijeka I Date: March 2022 I Copyright: SHIPS@SEA

MS DELPHIN – exklusiver Bordbesuch vor der Verschrottung

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Es schmerzt, wenn klar ist, dass das Ende unvermeidlich naht. So ist es auch mit MS Delphin. Schon lange zeichnete sich ab, dass das klassische Kreuzfahrtschiff von 1975 nicht mehr in den aktiven Kreuzfahrtdienst zurückkehren wird. Seit sechs Jahren liegt der stolze Liner nahezu ungenutzt an der Pier der Viktor Lenac Werft in Rijeka/Kroatien. Nur kurz wurde das Schiff als Hotelschiff für Marineangehörige eingesetzt; ein anschließender, geplanter Kreuzfahrteinsatz in Argentinien realisierte sich nicht.

Vorhersehbares Ende

Während der Corona-Krise wurden bereits viele aktive und deutlich neuere Kreuzfahrtschiffe ausgemustert und abgewrackt. Daher überrascht es mich nicht im März 2022 zu hören, dass es jetzt auch für MS Delphin soweit ist. Traurig ist es dennoch: das Mittelklasse-Schiff ist über Jahrzehnte erfolgreich auf dem deutschen Markt unterwegs gewesen und hat viele Liebhaber gewonnen.
Ich mache mich daher nach Rijeka auf und nehme die Möglichkeit dankbar an, das Kreuzfahrtschiff ein letztes Mal zu besuchen.

Nasser Abschied durch und durch

Petrus ist offenbar ebenso betrübt: es regnet ohne Unterlass. Weltuntergangswetter. Außenaufnahmen des rostigen Kreuzfahrers lassen sich nur mit Mühe machen: Regen von allen Seiten und Pfützen – nein: Seen – am Boden. An Bord sieht es nach meinem „boarding“ teiweise nicht anders aus: An Deck steht überall Wasser und schießt quasi die Entwässerungsrohre hinunter. Dem ist die Delphin nicht mehr überall gewachsen: selbst in tiefer gelegenen Decks regnet es durch die Decken hinein. Dies beobachte ich bei meinem ausführlichen Rundgang in einigen Kabinen, sowie im Restaurant „Pazifik“.

Maschine klar? Fehlanzeige.

Die Zeit drängt: schon bald wird MS Delphin die kroatische Werftpier für immer verlassen und in die Türkei geschleppt. An eine Fahrt mit eigenen Motoren ist dabei nicht mehr zu denken – zu lange befindet sich das Schiff außer Betrieb. Der Blick in den Maschinenraum zeigt, dass offenbar aufwendige Wartungsarbeiten begonnen wurden, aber scheinbar hat die Crew plötzlich alles stehen und liegen gelassen. Schnell ist es hier nicht wieder in Ordnung zu bringen, das ist auch bei kurzer Betrachtung sehr offensichtlich.

Rundgang auf dem Geisterschiff

Sehr freundliche und hilfsbereite Mitarbeiter der kleinen Delphin-Crew begleiten mich durch das spärlich beleuchtete Schiff. Dabei öffnen sie für SHIPS@SEA jede Türe und für diesen Tag tauche ich ein letztes Mal in das maritime Labyrinth ein. Und es ist wirklich ein solches: Schiffe dieser Baujahre sind vergleichsweise verwinkelt konstruiert und insbesondere in den Crewbereichen braucht man einen guten Orientierungssinn – noch dazu bei wenig Licht.

Auf jedem Deck von Bug bis Heck und von der Aussenpromenade bis zum Maschinenraum ist eines gegenwärtig: Stille. Gespenstische Ruhe liegt über MS Delphin. Die Maschinen schweigen, in der Galley kocht niemand mehr, in den Shops und Bars klingelt keine Kasse mehr und auch auf der Brücke werden keine Kommandos mehr gegeben. Diese Ruhe steht im Kontrast zum geschäftigen Treiben am Nachbarpier. Hier wird MS Ambience der neuen britischen Reederei Ambassador Cruise-Line für ihre erste Reise bereit gemacht. Erste und letzte Reise: Kontraste wie sie für ein Schiffsleben kaum größer sein können, liegen hier Bug an Bug vertäut.

Verfall und Gemütlichkeit – ein Kontrastprogramm

Zurück auf dem Bootsdeck am Pool der Delphin wird deutlich, was sich in vielen Bereichen im Schiffsinnern fortsetzt: die langen Jahre des Aufliegens unter den damals indischen Eigentümern haben dem Schiff mehr als schlecht getan. Der Verfall ist fortgeschritten und offensichtlich. Verrottete Holzplanken sind ebenso gegenwärtig, wie der Hauptfeind eines jeden Schiffes überall ist: Rost. Einige Rumpfbereiche sind kaum mehr weiß als dass sie rostbraun sind.

Sowohl die Crew- als auch die Passagierkabinen bieten ein unterschiedliches Bild. Die Crewkabinen überraschen durch eine überwiegend üppige Größe und gerade die Offizierskabinen wirken noch heute gemütlich. Die Kabinen der Gäste sind durchwachsen: abgesehen von der nicht zeitgemäßen Einrichtung sehen einige so aus, als ob nur die Betten neu bezogen werden müssten und gleich die nächsten Gäste kommen würden. Andere dagegen wirken vergammelt, haben defekte Fenster und sind nicht mehr wohnlich. Der durch die Decken eindringende Regen tut seit Jahren in einigen Kabinen sein Übriges. Tausende tote Insekten tümmeln sich in Fensterrahmen und Bädern – hier hat natürlich seit Jahren kein Housekeeping mehr geputzt.

Der Glanz von Einst verblasst

Die öffentlichen Bereiche befinden sich mit Schwerpunkt auf dem Salondeck. Altersgemäß ist hier das ein oder andere kaputt, wie der Brunnen in der Delphin-Lounge zum Beispiel. Im Restaurant oder in der Shopping-Arkade dagegen sieht es überwiegend ordentlich und fast „zum Ablegen bereit für die nächste Kreuzfahrt“ aus. Der Photo-Shop wartet quasi darauf, die nächsten Einschiffungsbilder auszustellen. Selbst der Delphin-Logo-Teppich ist in diesem Bereich sorgsam mit schützender Folie ausgelegt. Das wird üblicherweise nur gemacht, wenn es bald wieder „losgehen“ soll. Der temporäre Schutz von Einst ist dauerhaft geblieben. Doch niemand wird mehr über diesen geschützt-gepflegten Teppich flanieren, um die Auslagen der Boutiquen zu bewundern.

Liebevolle Delphin-Details von früher sind dem charmanten Liner bis heute erhalten geblieben. So finde ich am Pool den Delphin-Rettungsring, der neben dem Schiffsnamen die namensgebenden Tiere zeigt. An der Rezeption stehen noch die Tischlampen mit dem Delphin Schriftzug. Früher spendeten sie gemütlich-warmes Licht – heute mangelt es an Strom um dieses Feeling versprühen zu können. Und auch der Sky-Club auf dem Brückendeck sieht beinahe aus wie eh´ und je und die Tanzfläche wartet darauf wieder gerockt zu werden. „Rocken“ werden diese bald die Abwracker von Aliaga – vermutlich ohne Musik und lediglich im Takt der Schweissbrenner. Ein allerletztes Mal dann. Wie sich dieser Todestango anhört, habe ich bei der Abwrackung von MS ASTOR am eigenen Leib in der Türkei erfahren.

Warum spricht die Delphin nur nicht?

Sich das heute hier an Bord vorzustellen, fällt schwer – viel Historie und maritime Seele schwingt in jedem Gang, jeder Kabine und jedem Bereich mit. Die Luft dazu fühlt sich reich an. „Reich“ nach einem erfüllten, langen, lebendigen Schiffsleben. Doch wo gelacht, geredet, gestritten, geliebt, getrunken, gespeist, gesungen, durch Wind und Wellen und romantische Sonnenuntergänge gekreuzt wurde, bleibt das Schiff heute ganz für sich und behält all das Erlebte für sich. Könnte es nur reden – ich würde sehr gerne zuhören.

Ein letzter Brückenbesuch

Der Besuch auf der großzügigen Brücke ist eine Wohltat. Der Kommandobereich ist unversehrt und zugleich sehr nostalgisch. Computer findet man nur in den Büros hinter der Brücke – zur Schiffssteuerung bediente man sich dieser nicht. Ich lasse den Blick ausgiebig schweifen – die Instrumente sind ebenso faszinierend, wie die Aussicht über das weitläufige Vorschiff. Wie oft mag sich dieses wohl erfolgreich in die Brecher der Drake-Passage auf dem Weg in die Antarktis gebohrt haben? Ich weiß es nicht, kann mir die aufpeitschende Gischt aber bildlich vorstellen. In einer Ledersofaecke neben der Brückennock lasse ich die Eindrücke und Gedanken auf mich wirken.

Über die Schulter geschaut

Im Kartenraum gibt mir Deck-Kadett Bojan einen Einblick in seinen Arbeitsalltag. Er ist seit zwei Monaten regulär an Bord und bereitet mit seinen Kollegen MS Delphin auf das finale Ablegen vor. Er überprüft bei verschiedenen Kontrollrundgängen die Vertäuung, die Füllstände der Tanks und inspiziert alle Kabinen regelmäßig auf deren Zustand. All dies wird in täglichen Reports dokumentiert – es tut sich also immer noch etwas im Hause Delphin, was ein wenig an den regulären Schiffsbetrieb erinnert.

Hansa Kreuzfahrten, Passat, Etstur

Ich gehe auf Spurensuche zu früheren Schiffsbetreibern an Bord und werde an einigen Stellen fündig. Auf der Bordwand blättert der große „Etstur“ Schriftzug ab. Dieser ist so blass, dass er erst beim zweiten Betrachten auffällt, obwohl es sogar der letzte Kreuzfahrtcharter der Delphin war. Am Rezeptionstresen finde ich stapelweise Papier mit Passat-Kreuzfahrten-Logo und in den Büro´s der Crew liegen noch kistenweise Kataloge und Postkarten von Hansa Kreuzfahrten. Die deutschen Veranstalter sind seit Jahren pleite. Vieles lebt an Bord fort – man muss nur hinschauen, so lange es noch da ist.

Das Ende ist besiegelt

Eine Chance auf Rettung vor dem Schneidbrenner hat der schwimmende Delphin nicht mehr. Der Kaufpreis wurde vertragsgemäß am Tage meines Besuches vom Abwracker beglichen und der Eigentümerwechsel amtlich bestätigt. Damit ist das Schicksal von MS Delphin besiegelt. Die letzte Reise tritt der stolze Ozeanliner vollkommen unbemannt im Schlepptau eines Hochseeschleppers an. Führerlos und allein geht es mit 4 Knoten in geplanten sieben Tagen bis zum türkischen Strand des weltberühmten Schiffsfriedhofes. Als letzter „echter“ Gast gehe ich schließlich von Bord der Delphin – reich beschenkt mit Eindrücken eines Schiffes, das ohne jede Balkonkabine, dafür aber mit klassischer Silhouette erfolgreich durch ihr 47 jähriges Schiffsleben kreuzte.

Farewell MS Delphin.

Photocredit: all pics by © SHIPS@SEA, except the two towing pics of MS Delphin are provided by © Courtesy of Viktor Lenac Shipyard

MS Delphin – once upon a time

WERBUNG: SHIPS@SEA reiste auf eigene Rechnung, sowie mit hilfsbereiter Unterstützung der Viktor Lenac Werft, sowie Harmonytrade/Split und Split Ship Management(SSM).

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