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MS Astor Abwrackung Verschrottung Aliaga TransOcean Kreuzfahrten
Description: MS ASTOR funnel and stern I Location: Aliaga I Date: January 2021 I Copyright: SHIPS@SEA

EXKLUSIV: MS ASTOR-Abwrackung in Aliaga 2021

Diese STORY@SEA nimmt Dich mit auf einen letzten Rundgang an Bord von TransOcean´s MS ASTOR zu einem ungewöhnlichen und zugleich exklusiven Abwrack-Abschied in die Türkei. In der Story findest Du auch einen Decksplan, um Dich bestmöglich mit den Bildern orientieren zu können – wir empfehlen die Verwendung des Plans.

Alle Aufnahmen dieser Reportage findest Du auf der Schiffsdetailseite unter „Views of Astor“.

Als SHIPS@SEA zum Jahresbeginn 2021 gen ASTOR aufbricht, liegen bereits rund zwei Monate aufwendiger Vorbereitungen für diese Reportage hinter uns. Unter anderem wirft „Corona“ seine dynamischen Schatten stets weit voraus: wir haben uns immer wieder kritisch gefragt, ob diese Recherche unter Minimierung des Gesundheitsrisikos für alle Beteiligten überhaupt durchführbar ist. Können wir das wirklich machen? Nach Abwägung aller bekannten Tatsachen und unter täglicher Beobachtung des Infektionsgeschehens, sowie der Updates von „RKI“ und Auswärtigem Amt, sind wir schließlich nach Aliaga gereist. Die Möglichkeit die ASTOR in ihren letzten Stunden noch einmal hautnah erleben zu können, ist einmalig und so sind wir dankbar, dass diese Reise erfolgreich stattfinden konnte.

Rückblick: jähes Ende der TransOcean-Legende

Am 12.04.2020 endet in Bremerhaven die letzte Reise der ASTOR mit Passagieren – das Schiff kommt Corona-bedingt direkt aus Südafrika in Deutschlands Norden gefahren und wird anschließend aufgelegt. TransOcean Kreuzfahrten streicht unter dem Einfluß der Corona-Pandemie bis auf weiteres alle Reisen. Die ASTOR verholt im Frühsommer nach Tilbury/England und hat damit letztmalig deutsche Gewässer verlassen. Während die ASTOR an der Themse mit etlichen Schwesterschiffen der Muttergesellschaft „Cruise and Maritime Voyages“(CMV) aufliegt, geht ebendiese im Juli in Insolvenz. Mit ihr auch die deutsche Tochtergesellschaft „TransOcean Kreuzfahrten“ – das Schicksal der Schiffsflotte entscheidet sich im Spätherbst 2020, als die gesamte Flotte versteigert wird. MS ASTOR wird zum Abwracken in die Türkei verkauft und am 23.11.2020 in Aliaga auf den Strand gesetzt.

Wiedersehen mit MS ASTOR in Aliaga

Heute früh ist es dann endlich soweit: wir stehen noch einmal vor der ASTOR! Eingerahmt wird der deutsche Schiffsklassiker von zahlreichen amerikanischen Carnival-Kreuzfahrtschiffen und der spanischen Pullmantur Cruises. Überall wird fleißig gearbeitet, um die einst stolzen Liner der Weltmeere zu recyceln. In der Luft liegt der spezielle Geruch des Schiffsfriedhofes: sowohl später innen im Schiff wie auch draußen an der „frischen“ Luft ist der sehr ausgeprägte Geruch von Abbrucharbeit und Metall-Schweiß-Nebel wahrnehmbar. Ein Geruch, den man so schnell nicht vergisst. Bereits jetzt zum Auftakt liegt Abschied in der Luft – wir spüren es mit Wehmut. Bereits von weitem ist der Fortschritt der ASTOR-Abbrucharbeiten zu erkennen: Der Bugbereich bis hin zur Rezeption fehlt beinahe vollständig über alle Decks – es ist ein trauriger Anblick, der uns nicht unberührt lässt.
Dennoch: wir haben zwei Tage Zeit uns ausgiebig umzusehen und zu dokumentieren. Gerne wären wir auch länger geblieben, aber unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen scheint es nicht angezeigt zu sein, unser Glück herauszufordern. Vorweg sei gesagt: wir haben beinahe alle Bereiche des Schiffes betreten, die noch vorhanden(!) und zugänglich waren – das waren geschätzt 95%. Was wir nicht mehr gesehen und dokumentiert haben, war nicht mehr existent oder unzugänglich. Die Aufnahmen wirken mitunter grotesk und wer die traumhaft-klassische ASTOR noch aus betriebsamen Zeiten kennt, wird womöglich seinen Augen nicht trauen wollen. Wir versichern: die Aufnahmen sind weder gestellt oder arrangiert. Vielmehr sind sie 100% authentisch und mit Gänsehaut-Garantie für alle Freunde des Schiffes oder Schiffsliebhabern. Beinahe bei jedem Blick an Bord – egal wohin oder in welchem Raum – kommen uns immer wieder Fragen in den Sinn wie: „Warum ist dieses oder jenes so?“, „Wie kommt das hierhin?“ oder „Wer hat das gemacht und warum?“ etc. Vieles bleibt für immer ein Geheimnis.

Boarding: Willkommen an Deck von MS ASTOR

Auf dem Weg zum Schiff laufen wir an den beiden mächtigen ASTOR-Ankern vorbei, die bereits weit entfernt auf dem Verwertungsplatz lagern. Es ist ein trauriger Anblick sie derart abgetrennt von der ASTOR zu sehen.
An Bord gelangen wir heute über eine gut 3m hohe und beinahe senkrecht angestellte Leiter. Oben angekommen, befinden wir uns auf dem D-Deck – ein Deck unterhalb des Caribic-Decks. In diesem Bereich befinden sich zahlreiche Crewunterkünfte und Stauschränke – sogenannte „lockers“. Bereits der allererste Eindruck an Bord offenbart: von der einstigen ASTOR ist beinahe nichts mehr im Orginal-Zustand: Zerstörung, Verwüstung und Chaos sind die passenden Worte. Deren Intensität ist so überwältigend, dass sie für uns eine neue Definition bekommen. Überall liegen Trümmer. Zerborstenes Glas und Spiegel, Wand- und Deckenpaneele. Türen stapeln sich. Betten und Matratzen ebenso. Bilder und lose Ausrüstungsgegenstände und Einrichtungsdinge sind allgegenwärtig. Schwimmwesten liegen überall herum und sind so präsent, dass ich sie schon bald nicht mehr wahrnehme. Es ist schwer voranzukommen, da wirklich überall etwas steht und liegt. Feuerschutztüren und Schotten sind mitunter ganz oder teilweise geschlossen und müssen erst mühsam geöffnet werden, damit wir passieren können. Oder sie sind verklemmt und ein anderer Weg muß gefunden werden.

ASTOR-Abbrucharbeiten in vollem Gange

Die Crewkabinen machen insgesamt einen akzeptablen Eindruck und doch: vielfach sieht es so aus, als sei die Mannschaft fluchtartig weggelaufen. Schuhe stehen noch bereit, Zahnbürsten und Rasierzeug finden sich in den Badezimmern und Gesellschaftsspiele warten auf eine neue Runde. Eine Runde die hier nicht mehr gespielt werden wird. An den Wänden finden sich auch persönliche Dinge: Gedichte, Bilder von Familien mit Kindern oder von Kollegen, sowie Deutsch-Vokabeln zum Lernen. Da inzwischen die meisten Crewmitglieder aus Asien kamen, war ein gewisses Deutschtraining auch Alltag an Bord.
Die Crewbar und Crewmesse auf dem Caribicdeck gleichen einem Trümmerfeld. Der Bier-Zapfhahn liegt vor den Thekenresten auf dem Boden und vor dem Eingang der Bar auf dem Gang blockiert ein kompakter Kühlschrank den Weg.
In den noch vorhandenen Passagierkabinen des Baltic- und Atlantikdecks sieht es unterschiedlich aus: einige, wenige Kabinen sind halbwegs im Orginalzustand und sehen „gut“ aus; manche sind sehr mitgenommen und die Kabinenfenster sind ganz oder teilweise zersplittert. In allen Kabinen fehlen die Stühle; Bettzeug, Seifenspender, Wanduhren und Fernsehgeräte. Dafür sind die Kabinenschlüssel fast überall vorhanden und liegen in den Kabinen bereit, wie man es aus früheren Tagen zur Einschiffung kannte. Insgesamt machen die Innenkabinen den besten Eindruck auf uns, während die Außensuiten zumeist arg ramponiert sind. Die hintersten zwei Außenkabinen auf dem Atlantic Deck stehen bereits knietief unter Wasser und sind trotz Gummistiefeln nicht mehr zu betreten.
Die Rezeption zum Beispiel – früher ein gemütlicher Ort – ist jetzt ein Openair-Platz ähnlich einer Müllhalde. Alles was vor der Rezeption gen Bug lag, ist nun weg. Der eigentliche „Schalter“ von Rezeption und Ausflugsbüro ist noch vorhanden – ebenso das gegenüberliegende Desk des Concierge. Drumherum liegen so viele Trümmerteile, dass wir nur sehr mühsam vorankommen. Beinahe schon erhaben und mahnend steht die Schließfachwand frei neben der Rezeption – früher war diese gut in den Rezeptionsbereich integriert. Die Rückwand der Rezeption mit allen Ablagefächern der Kabinen fehlt vollständig. Wer nicht weiß, dass dies hier die Rezeption ist, würde sie vermutlich kaum erkennen.

Allgegenwärtige Merkwürdigkeiten an Bord

Überall an Bord finden sich Merkwürdigkeiten: Auf dem Joggingpfad steht ein Staubsauger des Housekeeping-Personals in einer Pfütze. Vor der Hansebar steckt ein Fleischermesser in den Holzplanken und schwingt im Wind hin und her. Ausgedrückte Zigarettenreste finden sich vielfach in den Kabinen wieder; ebenso Essensreste und Getränkedosen – vermutlich von den Werftmitarbeitern. Eine Außenkabine beherbergt die komplette Weihnachtsausstattung des Schiffes – nur den Weihnachtsmann konnten wir nicht finden. Ein paar Wünsche hätten wir gehabt…

TransOcean Kreuzfahrten und MS ASTOR – eine Spurensuche

Wer genau hinschaut findet sie noch – die Spuren der Veranstalter-Marken von TransOcean Kreuzfahrten und Cruise and Maritime Voyages (CMV). In den Lagerräumen ist noch etliches vorhanden: Blanko-Ausweise für die Crew und Passagiere, die Schiffsinfomappen auf den Kabinen, Speise- und Getränkekarten, Hinweisschilder und so manchen – teilweise verborgenen – ASTOR-Aufkleber oder Bierdeckel. Auch im Bordreisebüro sind die Glasscheiben mit dem markanten „t“-Emblem von TransOcean vollständig vorhanden. Sonst findet sich hinter dem umgestoßenen Schreibtisch nur ein Flyer vor einem Stapel obsolet gewordener Kreuzfahrtkataloge: „10% Bordbucher-Ermäßigung auf die nächste Astor Reise“ – die es nicht mehr geben wird. Nie wieder.

Das Promenadendeck mit seiner einst gemütlichen Innengalerie verdient das Wort nicht mehr. Überall totale Zerstörung. Die Bordboutique und der Juwelier existieren nicht mehr. Die Parfümerie ist zwar noch da, aber leer und übersät von Glassplittern am Boden. Der angrenzende maritim-gemütliche Capitäns-Club gleicht einem Trümmerfeld, wenngleich es hier noch ein paar Sitzgelegenheiten gibt. Der schöne Barbereich ist dagegen weitestgehend zerstört. Ein Putzeimer steht auf der Theke mit dem Titel „wash“ – wie wahr… Inzwischen sind die Abbrucharbeiten auf dem Promenadendeck auch beim Capitäns-Club angekommen. Wir beobachten wie ein Segment, welches zuvor freigeschweisst wurde mit dem Kran emporgerissen wird und wegschwebt. Beim Hochziehen entzündet sich – warum auch immer – ein Feuer an Bord und es kommt zu kräftiger Rauchentwicklung. Doch auch darauf ist die Abwrack-Crew vorbereitet: Innerhalb von Sekunden wird mit einem Löschschlauch die Gefahr gebannt. Uns scheint, als dass solche dynamischen Situationen bei den Arbeiten häufiger vorkommen. Der Capitäns-Club ist nun open-air und kurz nach unserem Besuch bereits Geschichte.

Kulinarische ASTOR-Entdeckungsreise

Recht gut erkennen kann man das Waldorf-Restaurant; aber auch hier ist nicht mehr vieles so, wie es vor kurzem noch war: abgeschraubte Tischplatten stapeln sich im Eingangsbereich und Stühle gibt es keine mehr. Am Buffet finden sich noch ein paar Cornflakes von früher. Von der Decke baumeln die Notausgangsschilder herunter – nur leuchten sie natürlich nicht mehr. In den benachbarten Spezialitätenrestaurants kann man kaum treten, so chaotisch ist es hier. Zusätzlich sind einige Außenscheiben zerborsten und der Wind pfeift bei +3°C frisch herein.
Die Hauptküche sieht dagegen beinahe einsatzklar aus wie eh und je. Es scheint, als sei sie im Urzustand und es könne wieder losgekocht werden. Saubere Gläser sind stapelweise gut sortiert verstaut und mit Klarsichtfolie gesichert. So wie es immer gemacht wird, wenn schwere See erwartet wird. Die jetzt nahende „schwere See“ wird hier bald alles vernichten – keine Frage. Im Herdbereich liegen zerbrochene Bierflaschen am Boden – wie sind diese hierher gelangt? In der Backstube ganz am Heck steht eine große Box Brötchen: eine grau-grüne Schimmelschicht macht deutlich, dass der Ofen schon längst aus ist. Die Küchengerätschaften sind übrigens alle verkauft, wie auf den aufgeklebten Schildern zu sehen ist. Alles wird ausgebaut und weiterverwendet – so leben Teile der ASTOR irgendwo an Land fort. Immerhin.
Im darüber liegenden Übersee-Club sieht es ein wenig so wie früher aus und hier finden wir eine uralte Gala-Dinner-Speisekarte von 1988: ein Jahr nach dem Stapellauf der Astor und ein beinahe historisches Zeitzeugnis aus vergangenen, besseren Tagen. Das Büro des Restaurant-Managers am Übersee-Club sieht so aus, als würde auch hier gleich wieder normal weitergearbeitet werden. Nur eine kurze Pause, bis wieder jemand da ist und den Restaurant-Takt vorgibt.
Der Poolbereich am Heck ist verwaist, sieht aber seiner ursprünglichen Bestimmung nach aus. Nur eine umherliegende Schiffsinfomappe aus einer Passagierkabine will hier so gar nicht ins Bild passen.
Schließlich gehe ich „nach ganz hinten und nach ganz oben“ wie der frühere Kreuzfahrtdirektor Florian immer in seinen Ansagen zu sagen pflegte und besuche die Hansebar auf dem Brückendeck. Heute ist die Hansebar der ASTOR ein Ort der Stille und Dunkelheit – dazu schwappt etwas Wasser im Ausgangsbereich zur Heckterrasse auf dem Boden. Alle maritimen Einrichtungsgegenstände, die der Bar ihre typische Atmosphäre verliehen haben, fehlen. Der Barbereich im Hintergrund dagegen sieht manierlich und sortiert aus – erstaunlich.
Der angrenzende Fitnessraum sieht auch nahezu unverändert aus – alle Fitnessgeräte stehen an ihrem Platz. Lediglich ein Wandspiegel ist zersplittert und stört das sonst so intakte Bild.
Die Außenpromenade unterhalb der fehlenden Rettungsboote ist weitgehend verschwunden. Die restlichen Meter haben keine Bodenbeläge mehr, Dinge liegen und fliegen umher und die Reling fehlt ebenso. Der Joggingpfad auf dem Sonnendeck endet abrupt neben dem Schornstein – mehr Deck ist hier oben einfach nicht mehr da. Wehe dem, der jetzt noch einen Schritt weiter geht…

Stille an Bord der ASTOR und bei TransOcean Kreuzfahrten – Totenstille

Ein Blick in den Maschinenraum lässt diesen einsatzklar erscheinen – es sieht so aus, als würde die Crew in Kürze antreten und die Maschinen wieder zum Leben erwecken: es bleibt ein Wunschtraum. Aufgrund seiner Größe und Vollständigkeit ist der Maschinenraum beeindruckend. In jedem Fall sieht man einen Maschinenraum wie diesen nur selten so dunkel und still. Dank unserer umfangreichen Lichttechnik, ist es möglich alles ausreichend auszuleuchten um Fotos anzufertigen. Wir können bis zum Wellentunnel der Steuerbord-Schraube vordringen – ein Bereich, den man sonst an Bord von Schiffen nur sehr selten zu sehen bekommt. Auffallend ist, wie sauber hier alles ist. Fast kann man vom Boden essen – wenn es noch etwas Essbares an Bord gäbe.
Allzu laut ist es übrigens nicht an Bord der Astor. Lediglich in den vorderen Bereichen wo gerade konkret mit schwerem Gerät und dem übergroßen Kran gearbeitet wird, ist es lärmend. Weiter hinten hört man absolut nichts. Eine beinahe gespenstische Stille – die durch das Pfeifen des Windes und knarzen des Schiffes immer wieder unterbrochen oder unterstrichen wird – wie man es eben betrachten möchte. Bald ist es soweit und von MS ASTOR wird keinerlei Geräusch mehr ausgehen können – dann haben die Abwracker ihren Job getan. Bis das nächste Schiff auf den Todesstrand von Aliaga gesetzt wird.

Wir gehen schließlich mit größter Wehmut und Trauer zum letzten Mal von Bord. Es ist ein Abschied für immer. Mit im Gepäck haben wir Eindrücke, die man kein zweites Mal in dieser Art und Weise auf der Welt wird erleben können. Es sind zwei einzigartige Tage – letzte ASTOR-Tage – an Bord gewesen.

Am 03.04.2021 wurde der „Rückbau“ der ASTOR abgeschlossen – die letzten Rumpfstücke haben ihr nasses Element für immer verlassen.


Farewell und Adieu: LEBE WOHL MS ASTOR – schön war die Zeit;  ich werde Dich nie vergessen, aber stets sehr vermissen.

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